Zerstört KI unsere gewohnte Arbeitswelt und die Einsteigerjobs?

von Bernhard Simon

Prof. Dr. Anabel Ternes von Hattburg über die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt durch den zunehmenden Einfluss von KI (veröffentlicht über das Xing-Portal) :

Wir erleben gerade einen historischen Wendepunkt auf dem Arbeitsmarkt, und viele merken noch nicht, wie tiefgreifend er wirklich ist. KI verändert nicht zuerst die Topetagen. Sie verändert die Einsteigerstufe. Genau jene Aufgaben, mit denen Generationen zuvor gelernt haben, ihre ersten Schritte in einem Unternehmen zu gehen, Verantwortung zu übernehmen, Erfahrung aufzubauen und in die Arbeitswelt hineinzuwachsen, verschwinden gerade. Darunter fallen Recherchearbeiten, Präsentationen vorbereiten, Analysen durchführen, Textentwürfe schreiben, Daten aufbereiten, Assistenzaufgaben erledigen.

Lernräume verschwinden durch KI

Alles, was früher als klassischer Einstieg galt, wird zunehmend automatisiert. Das eigentliche Problem ist deshalb größer als Jobverlust. Denn wenn KI die Junioraufgaben übernimmt, verschwindet plötzlich der Raum, in dem junge Menschen lernen, üben, sich entwickeln können. Über Jahrzehnte funktionierte Karriere relativ vorhersehbar: Man beginnt klein. Man beobachtet andere. Man sammelt Erfahrung. Man macht Fehler. Man wächst langsam hinein. Doch genau diese Lernphase bricht gerade weg.

Schul- und Hochschulwissen verlieren an Wert

Viele Absolventen stehen vor einem paradoxen Moment, den die meisten noch nicht realisiert haben. Noch nie waren junge Menschen formal so gut ausgebildet und ihre Skills gleichzeitig so stark austauschbar. Denn dieses Schul- und Hochschulwissen allein verliert rapide an Wert, wenn KI Informationen schneller analysieren, strukturieren und formulieren kann.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass ein guter Abschluss noch reicht. Nicht weil Bildung unwichtig wird. Sondern weil sich die Spielregeln gerade verändern. Die Gewinner der nächsten Jahre werden nicht jene sein, die nur Wissen reproduzieren, sondern jene, die Fähigkeiten entwickeln, die schwer automatisierbar bleiben:

Kommunikation, Psychologische Intelligenz, Kreativität, Storytelling, Sichtbarkeit, Strategisches Denken, Emotionale Stabilität, Anpassungsfähigkeit, Beziehungskompetenz. Unternehmerisches Denken.

Wir erleben gerade das Ende des klassischen Karrierewegs. Früher fragte man: „Welchen Abschluss hast du?“ Heute wird wichtiger: „Warum braucht man DICH in einer Welt voller KI?“ Das verändert alles.

Sichtbarkeit wird ein Karrierefaktor

Wer unsichtbar bleibt, existiert beruflich zunehmend weniger. Digitale Präsenz, eigene Projekte, Netzwerke, Community-Aufbau, kommunikative Stärke und Persönlichkeit werden plötzlich zu echten Wettbewerbsvorteile, nicht als Selbstvermarktung, sondern als Beweis von Relevanz.

Die Ironie dabei ist, dass je stärker KI standardisierte Aufgaben übernimmt, umso wertvoller menschliche Eigenschaften werden. Und das sind folgende:

  • Empathie
  • Vertrauen
  • Narrative Kompetenz
  • Emotionale Sicherheit
  • Orientierung
  • Kreativität
  • Authentische Verbindung

Viele Absolventen wurden darauf nie vorbereitet, weder an der Schule noch an Hochschulen. Zu lange haben Bildungssysteme Menschen darauf trainiert, genau die Antworten zu liefern, die Erwartungen bestätigen. Doch KI kann das inzwischen viel besser.

Unverwechselbarkeit wird unverzichtbar

Die Zukunft braucht weniger Perfektionismus, mehr Anpassungsfähigkeit bei wachsender Individualität. Lautstärke zählt weniger, dafür aber menschlich unverwechselbar zu werden. So gesehen sind die eigentliche Konkurrenz der Zukunft nicht KI, sondern Menschen, die KI besser nutzen und gleichzeitig menschlicher wirken.

Die wichtigste Fähigkeit der nächsten Jahre wird deshalb nicht technisches Wissen sein, sondern die Fähigkeit, trotz KI relevant zu bleiben. 

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Bernhard Simon – 
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